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Spätestens seit der Corona-Pandemie sind medizinische Selbsttests fester Bestandteil des Alltags. Was zuvor vor allem auf Schwangerschaftstests oder Blutzuckertests beschränkt war, hat sich innerhalb weniger Jahre zu einem breiten Gesundheitssegment entwickelt, denn es konnte leicht von zuhause gemacht werden. Heute messen KundInnen eigenständig ihren Vitamin-D-Spiegel, lassen ihre Darmflora analysieren oder beschäftigen sich sogar mit genetischen Dispositionen.
Für Vor-Ort-Apotheken stellt sich damit eine strategische Frage: Handelt es sich um ein Randthema, das von Drogerien und Online-Anbietern besetzt wird? Oder um eine echte Chance, das eigene Leistungsportfolio sinnvoll zu erweitern?
Welche Testarten gibt es?
Der Begriff Selbsttest wird heute oft übergreifend und umgangssprachlich für mehrere Testarten verwendet. Allgemein versteht man darunter insbesondere Tests, die nicht ärztlich angeordnet sind und die Laien entweder selbst durchführen, oder selbstständig entscheiden, sie mit Hilfe von medizinischem Personal durchzuführen. Dabei ist nicht jeder patientennahe medizinische Test ein Selbsttest. Prinzipiell kann man zwischen drei verschiedene Testarten unterschieden:
- Selbsttests für zuhause: Können eigenständig auch von Laien durchgeführt werden
- POC-Test (Point-of-Care-Testing) – werden von Fachpersonal durchgeführt
- Probennahme-Sets: Laien oder medizinisches Fachpersonal entnehmen Proben, die dann in einer Laborumgebung untersucht werden
Wenn wir in diesem Artikel von Selbsttests sprechen, sind zur Vereinfachung Medizinische Tests gemeint, die KundInnen ohne ärztliche Anordnung oder Befund auf eigenen Wunsch selbst durchführen können – entweder alleine zuhause, durch Einsenden von Probenmaterial oder mit Unterstützung von medizinischem Personal.
Warum ist der Boom bei medizinischen Selbsttests so groß?
Die steigende Nachfrage nach diesen Selbsttests spiegelt den grundlegenden Wandel im Gesundheitsverhalten recht gut. Viele KundInnen möchten heute mehr über ihren eigenen Körper wissen und frühzeitig reagieren, bevor Beschwerden entstehen oder diffuse Symptome selbst behandeln. Gleichzeitig sinkt durch die digitalen Informationsquellen die Hemmschwelle, sich eigenständig mit Gesundheitsthemen auseinanderzusetzen. Digitale Angebote und personalisierte Gesundheitslösungen verstärken den Trend.
Hinzu kommt ein ganz praktischer Aspekt: Der Zugang zu ärztlicher Beratung ist häufig mit Wartezeiten verbunden. Zudem fehlt im Alltag vielen Menschen die Zeit für ausführliche Gespräche, Untersuchungen, Termine bei weit entfernten Fachärzten und langen Wartezeiten. Selbsttests für zuhause schließen scheinbar genau diese Lücke – schnell, unkompliziert und jederzeit verfügbar.
Der Einstieg in das Thema fällt vielen leicht, weil das Prinzip seit Corona besonders bekannt ist. Zudem ist der Wunsch nach einer einfachen Lösung groß: Oft leiden KundInnen unter diffusen Symptomen wie Müdigkeit, Verdauungsbeschwerden oder Allergien. Da macht das Versprechen nach Klarheit und Lösung viele neugierig. Die eigenen Probleme sind beispielsweise auf einen Vitamin D-Mangel zurückzuführen und durch das entsprechende Supplement, fühlt man sich in wenigen Wochen besser. Medizinische Selbsttests führen vergleichsweise leicht genau zu dieser einfachen Lösung, so zumindest das Werbeversprechen. Sie funktionieren zudem niedrigschwellig, ohne Arzttermin, oft ohne große Hürden und für einen erschwinglichen Preis.
Gleichzeitig hat sich das Spektrum enorm erweitert, sowohl inhaltlich als auch in der Art der Durchführung. Außerdem sind diese Tests diskret: Wenige Tropfen Blut in einer Behälter verschicken, eine Stuhlprobe oder einfach nur einige Kopfhaare in einem Briefumschlag – gemeinsam mit einem Onlinefragebogen und in wenigen Tagen hat man sein Ergebnis.
Es wird den KundInnen bewusst einfach gemacht und mit sehr klaren Handlungsempfehlungen und konkreten Produktvorschlägen geworben. Dabei ist es in der Realität leider oft nicht so einfach oder eindeutig.
Das Phänomen Selbsttests – Online, in der Drogerie und zuhause
Das Spektrum von Selbsttests für zuhause hat sich enorm erweitert – sowohl inhaltlich als auch in der Art der Durchführung. Es gibt ganz unterschiedliche Testformen, die für medizinisches Fachpersonal wie ApothekerInnen oder ÄrztInnen klar sind, die sich für KundInnen aber oft kaum unterscheiden lassen.
Zum einen gibt es klassische Soforttests, bei denen das Ergebnis direkt vor Ort oder zu Hause vorliegt – bekannt aus Corona-, Influenza- oder RSV-Tests.
Zum anderen etablieren sich zunehmend die oben genannten Labortests für zu Hause, bei denen KundInnen eigenständig Proben entnehmen (z. B. Blutproben, Stuhl, Speichel oder Haare) und diese anschließend einsenden. Die Auswertung erfolgt im Labor und ist entsprechend detaillierter und diese Art Medizinischer Selbsttest damit auch oft teurer.
Daneben existieren auch Modelle, bei denen eine Blutentnahme durch medizinisches Personal notwendig ist, etwa in Kooperation mit Arztpraxen oder spezialisierten Anbietern. Diese sind zwar streng genommen keine „echten Selbsttests“, werden aber ähnlich vermarktet, da auch hier kein medizinischer Befund oder eine Anordnung nötig ist, und KundInnen sich eigenständig für einen solchen Test entscheiden können.
Ein Blick in den Handel zeigt, wie selbstverständlich diese Vielfalt inzwischen geworden ist. In Drogerien wie dm oder At-Home-Test-Anbieten finden sich heute verschiedenste Testformen. Für KundInnen verschwimmen diese Unterschiede oft und es ist schwer einzuschätzen, wie valide oder aussagekräftig die Ergebnisse tatsächlich sind.
Welche Medizinischen Selbsttests sind besonders beliebt
Auch inhaltlich ist das Angebot deutlich breiter geworden. Besonders häufig nachgefragt werden aktuell:
- Mikronährstofftests, etwa zu Eisen, Vitamin D oder Magnesium – häufig im Kontext von Müdigkeit, Erschöpfung oder Konzentrationsproblemen
- Allergie und Unverträglichkeiten: beispielsweise bei Verdacht auf Laktoseintoleranz oder Zöliakie
- Darm- und Mikrobiomtests, die bei Verdauungsbeschwerden oder zur allgemeinen Gesundheitsoptimierung eingesetzt werden
- Hormon- und Stoffwechseltests, beispielsweise bei Stress, Schlafproblemen oder Gewichtsfragen
- Haaranalyse, die etwa zur Analyse von Mineralstoffen oder Belastungen genutzt werden, auch wenn deren Aussagekraft teilweise kritisch diskutiert wird
- Gentests, die genetische Veranlagungen in Bezug auf Ernährung, Sport oder Gesundheit analysieren – Anbieter wie made for me bedienen hier einen wachsenden Markt
- Urintests: Beispielsweise für Harnwegsinfekte oder Fruchtbarkeit
Ein Markt, der längst verteilt wird – noch zu oft ohne Apotheken
Selbsttests sind längst kein Zukunftsthema mehr, sondern Realität im Massensegment. Drogerieketten wie Rossmann oder dm haben entsprechende Produkte fest im Sortiment etabliert und präsentieren diese sichtbar im Verkaufsraum.
Und das macht durchaus Sinn. Laut einer Marktanalyse liegt der globale Umsatz durch Medizinische Selbsttest im Jahr 2025 bei rund 11–12 Mrd. USD. Diese Untersuchung prognostiziert bis ins Jahr 2033 eine Verdopplung des Marktes auf 22–24 Mrd. USD. Das entspricht einem durchschnittlichem Marktwachstum von 8 – 9 % pro Jahr.
Parallel dazu wachsen spezialisierte Anbieter, die sich gezielt auf einzelne Testbereiche konzentrieren. Unternehmen wie Cerascreen oder Cabocheck kombinieren Diagnostik mit digitalen Auswertungen und personalisierten Empfehlungen.
Was dabei auffällt: Die Apotheke spielt in vielen dieser Modelle bisher keine zentrale Rolle – obwohl sie aus fachlicher Sicht prädestiniert wäre. Denn hier liegt eine echte Umsatzchance für Vor-Ort-Apotheken. Sie können mit fachlicher Kompetenz KundInnen bei bestehenden Symptomen eine relevante Entscheidungshilfe geben, Laborergebnisse besser einordnen und gezielt die richtigen Präparate – falls notwendig – verkaufen.
Gerade bei Mikronährstoffanalysen zeigt sich ein klarer Praxisbezug: KundInnen kommen mit Symptomen in die Apotheke, etwa anhaltende Müdigkeit und suchen nach einer schnellen, unkomplizierten Möglichkeit, mögliche Ursachen wie einen Eisen-, Magnesium oder Vitamin-D-Mangel zu überprüfen. Präparate müssen zudem oft immer wieder gekauft werden. Apotheken können sich hier ihre Stammkundschaft ausbauen.
Zwischen Ergebnis und Verständnis: Warum Beratung entscheidend wird
Mit der wachsenden Verfügbarkeit von Selbsttests für zuhause zeigen sich gleichzeitig zwei Probleme: Wie sind die Ergebnisse zu interpretieren und wie valide sind die Ergebnisse?
Gleichzeitig gehen die Meinungen zu medizinischen Selbsttests unter Fachleuten deutlich auseinander. Während Schwangerschaftstests oder Blutzuckermessungen als zuverlässig gelten, werden viele andere Tests kritischer gesehen. Das betrifft unter anderem komplexere Erkrankungen wie Zöliakie, Tests auf Krebserkrankungen oder sexuell übertragbare Infektionen. Hier hängt die Aussagekraft stark davon ab, wie der Test durchgeführt wird und ob alle Voraussetzungen erfüllt sind. Generell sind Selbsttests in der EU-Verordnung über In-vitro-Diagnostika 2017/746 (IVDR) geregelt. Darin ist vermerkt, dass die Durchführung für Laien verständlich und machbar sein muss. Aber je komplexer der Test, desto fehleranfälliger wird er in der Regel auch. Wird zum Beispiel genügend Probenmaterial entnommen oder beim HIV-Test die notwendige Zeit nach einer möglichen Ansteckung eingehalten, damit das Ergebnis überhaupt aussagekräftig ist. Die Ergebnisse sind für Laien auch nicht immer leicht zu verstehen oder richtig einzuordnen.
Denn nicht jeder Test ist gleich aussagekräftig. Während laborgestützte Verfahren in der Regel valide Hinweise liefern, sind viele Schnelltests eher als erste Orientierung zu verstehen. Grundsätzlich gilt: Für Apotheken entsteht daraus eine wichtige Rolle. Sie können bei der Auswahl unterstützen, Erwartungen einordnen und entscheiden, wann eine ärztliche Abklärung nötig ist.
Gerade bei komplexeren Themen – etwa Darmanalysen oder genetischen Auswertungen – stoßen viele KundInnen schnell an ihre Grenzen. Die Ergebnisse sind umfangreich, teilweise widersprüchlich oder schwer einzuordnen. Oft sollen sie nach den Tests bestimmte Supplemente oder Nahrungsergänzungsmittel kaufen. Deren Nutzen ist häufig nicht eindeutig durch Studien belegt. Das kann für KundInnen zur Kostenfalle werden.
Vor-Ort-Apotheken können hier zum echten Beratungszentrum und vertrauenswürdigen Ansprechpartner werden. Zum einen entsteht ein zusätzliches Umsatzpotenzial – nicht nur durch den Verkauf der Tests selbst, sondern vor allem durch Folgekäufe. Wer beispielsweise einen Eisen- oder Vitamin-D-Mangel feststellt, wird häufig entsprechende Präparate benötigen, oft auch über einen längeren Zeitraum hinweg.
Zum anderen stärkt das Angebot die Kundenbindung. Beratung rund um Testergebnisse schafft Vertrauen und positioniert die Apotheke als kompetente Anlaufstelle für Gesundheitsfragen. Das ist ein klarer Vorteil gegenüber Drogerien.
So können Apotheken das Thema Selbsttests erfolgreich etablieren
Trotz der Chancen zeigt die Praxis: Medizinische Selbsttests verkaufen sich nicht automatisch. Ohne ein klares Konzept werden sie schnell zum Ladenhüter. Anbieter machen gezielt Werbung, kennen die Probleme und Wünsche der Zielgruppe und geben starke Gesundheitsversprechen.
Als Vor-Ort-Apotheke müssen Sie daher besonders auf vier Säulen setzen:
- Reichweite durch starke und wirksame Marketingmaßnahmen (offline und digital)
- Starke und vertrauenswürdige Beratungskompetenz
- Eine klare und seriöse Sortiment-Strategie
- Strukturierte Prozesse
Entscheidend ist zunächst die Kommunikation: Ihre KundInnen müssen wissen, dass es dieses Angebot gibt – und welchen konkreten Nutzen es für sie hat. Das erfordert Aufklärung, sowohl im persönlichen Gespräch als auch über digitale Kanäle. Hier spielen insbesondere Ihre Apotheken-Website, Ihre Apotheken-App, gezieltes Marketing über Ads und soziale Netzwerke und Werbebotschaften vor Ort in Ihrer Apotheke eine zentrale Rolle.
Ebenso wichtig sind Ihr Apotheken-Team und die Beratungskompetenz. MitarbeiterInnen müssen verstehen, welche Tests sinnvoll sind, wie sie funktionieren und wo ihre Grenzen liegen. Nur so können sie KundInnen sicher beraten.
Ein dritter Erfolgsfaktor eine klare Sortimentsstrategie. Die Vielzahl an Anbietern kann schnell unübersichtlich werden, zudem sollten Sie als Apotheke nur auf valide und seriöse Selbsttests setzen. Gerade Tests, die sie aktiv empfehlen und begleiten können, machen Sinn. Auch die Beratung nach dem Selbsttest ist enorm relevant: Wie kann das Ergebnis interpretiert werden und machen Supplemente oder weitere Untersuchungen für den Kunden oder die Kundin Sinn?
Fazit: Medizinische Selbsttests in Apotheken sind mehr als ein Zusatzsortiment
Medizinische Tests sind kein kurzfristiger Trend, sondern Teil einer langfristigen Entwicklung hin zu mehr Eigenverantwortung im Gesundheitsbereich. Das liegt auch an einer schlechter werdenden ärztlichen Versorgung und mehr Eigenverantwortung und Gesundheitsbewusstsein. Das gilt gerade für jüngere Zielgruppen.
Für Vor-Ort-Apotheken liegt darin eine klare Chance – vorausgesetzt, das Thema wird aktiv gestaltet. Wer Selbsttests mit fundierter Beratung, klarer Positionierung und digitaler Unterstützung kombiniert, kann sich als moderner Gesundheitsanbieter etablieren und langfristig profitieren.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob medizinische Selbsttests relevant sind, sondern welche Rolle die eigene Apotheke dabei einnehmen möchte.
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