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Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist längst im Apothekenalltag angekommen. Mit dem E-Rezept haben sich Prozesse nachhaltig verändert – und weitere Anwendungen stehen in den Startlöchern. Besonders relevant sind aktuell drei Themen: CardLink, die elektronische Patientenakte (ePA) und der neue Dienst Proof of Patient Presence (PoPP).
Alle drei gehören zur Telematikinfrastruktur (TI) und werden in den kommenden Jahren spürbare Auswirkungen auf Arbeitsabläufe, Kundenverhalten und -kommunikation sowie die Rolle der Vor-Ort-Apotheken haben. Es lohnt sich daher, die Entwicklungen frühzeitig einzuordnen und als Vor-Ort-Apotheke auf Veränderungen vorbereitet zu sein. Damit wird die Digitalisierung im Apothekenalltag noch spürbarer.
Die Telematikinfrastruktur (TI): Basis für neue Anwendungen
Was ist die Telematikinfrastruktur eigentlich genau? Sie ist ein in den späten 90er-Jahren erdachtes und im GKV-Modernisierungsgesetz (GMG) von 2004 erstmals juristisch formalisiertes Konzept, dass alle Akteure im Gesundheitswesen besser vernetzen soll. Heute verbindet die Telematikinfrastruktur Arztpraxen, Krankenhäuser, Apotheken und Krankenkassen digital miteinander, Pflegeheime und weitere Gesundheitsberufe sollen in Kürze folgen. Anwendungen wie das E-Rezept oder die ePA laufen über dieses System.
Für Apotheken bedeutet das: Neue Funktionen kommen nicht als einzelne Projekte, sondern sie bauen aufeinander auf. Mit jeder Erweiterung verschiebt sich ein Teil der Kommunikation und Organisation in digitale Prozesse – von der Rezeptübermittlung bis zur Medikationsinformation. Vorreiter waren hier zum Beispiel das E-Rezept und dessen Einlöseweg via Mobiltelefon mit Hilfe von CardLink. Sie haben einige Prozesse von Vor-Ort-Apotheken verändert und die Digitalisierung zum Beispiel durch individuelle Apotheken-Apps und mehr Apotheken-Onlineshops enorm beschleunigt.
CardLink: E-Rezepte direkt ins Smartphone einlesen
Mit CardLink können KundInnen ihre Gesundheitskarte per Smartphone auslesen und E-Rezepte direkt an eine Apotheke senden. Eine zusätzliche App der Krankenkasse oder ein komplizierter Anmeldeprozess ist dafür nicht erforderlich.
Für den Apothekenalltag hat das unter anderem folgende Auswirkungen:
Zum einen kommen Rezepte früher an und damit können Medikamente vorbereitet oder frühzeitig bestellt werden, bevor die KundInnen in die Apotheke kommen. Zum anderen entscheiden sich viele KundInnen bereits digital für eine Apotheke – noch bevor sie vor Ort sind. Das heißt, Vor-Ort-Apotheken müssen jetzt auch vermehrt Ihre Onlinepräsenz bewerben.
CardLink ist seit Anfang 2024 verfügbar und wird zunehmend genutzt. Je einfacher die digitale Übermittlung funktioniert, desto stärker wird sich das Bestellverhalten in diese Richtung entwickeln, insbesondere im Hinblick auf jüngere Kundengruppen.
Die elektronische Patientenakte (ePA): Mehr Überblick bei der Medikation
Die elektronische Patientenakte ermöglicht es KundInnen schon seit 2021, Gesundheitsdaten zentral zu speichern und bei Bedarf freizugeben. Dazu gehören unter anderem Medikationspläne, Arztbriefe oder Befunde.
Soweit die KundInnen nicht aktiv widersprochen haben (sog. Optout-Verfahren seit 2025) können auch Apotheken in einem konkreten Versorgungskontext (z. B. bei gesteckter eGK) auf relevante Informationen der ePa zugreifen. Das kann zum Beispiel helfen, Wechselwirkungen besser zu erkennen oder die Beratung bei komplexen Therapien wie Inhalationstechniken oder auch Impfungen zu unterstützen.
Der deutschlandweite Ausbau der ePA ist für 2025 und 2026 geplant. In der Praxis wird sich die Nutzung sehr wahrscheinlich eher schrittweise entwickeln. Für die Zukunft heißt das, dass sich Apothekenteams in komplexeren Sachverhalten weiterbilden müssen. Die Teams sollten sich mit Zugriffsmöglichkeiten, Datenschutz und möglichen Anwendungsszenarien auskennen. Ein weiterer Arbeitsbereich, der zu dem ohnehin schon vollgepackten Apothekenalltag hinzukommt.
Langfristig kann die ePA aber trotzdem die pharmazeutische Betreuung und Beratung in Vor-Ort-Apotheken stärken – besonders bei KundInnen mit mehreren Medikamenten oder chronischen Erkrankungen.
PoPP (Proof of Patient Presence): Rezepteinlösung ohne Karte
Der nächste Entwicklungsschritt beim E-Rezept heißt PoPP (Proof of Patient Presence). Die Einführung des neuen Verfahrens ist für Juli 2026 geplant – mit einer Übergangsphase bis Januar 2027. Laut gematik bildet PoPP künftig die Grundlage für die Nutzung der GesundheitsID als digitalen Versicherungsnachweis. Gleichzeitig soll PoPP künftig ermöglichen, den Zugriff auf E-Rezepte und die elektronische Patientenakte (ePA) direkt freizugeben. Langfristig wird PoPP damit das bisherige CardLink-Verfahren ersetzen.
Die Idee dahinter ist folgende: Während mit CardLink das Patientenhandy als virtuelles Kartenterminal vorübergehend als Teil der TI fungiert, ist dies mit PoPP nicht mehr erforderlich. Bestimmte Sicherheitsmaßnahmen wie die SMS-TAN können dadurch entfallen. Mit PoPP werden vielmehr die digitalen Identitäten von PatientIn und Leistungserbringer für einen bestimmten Versorgungskontext (E-Rezept-Einlösung, Telekonsultation, ePA-Einsicht) zu einem einzigartigen Schlüssel – dem sog. PoPP-Token verschmolzen. Mit diesem PoPP Token wiederum kann das Warenwirtschaftssystem einer Apotheke dann während der Gültigkeitsdauer des Tokens auf E-Rezepte und die ePA der PatientInnen zugreifen. Dabei können sich die PatientInnen gegenüber dem PoPP-Service wie bisher mit der eGK – durch physisches Stecken in einen Kartenleser oder das „Dranhalten ans Handy“ via NFC – identifizieren, zusätzlich jedoch auch über ihre auf dem Handy gespeicherte GesundheitsID. Eine solche haben bereits heute viele PatientInnen in Ihren Krankenkassen-Apps gespeichert bzw. können Sie dort mit etwas Aufwand einrichtenBeim Apothekenbesuch wird dann neben dem bekannten Kartenstecken auch das Einscannen der GesundheitsID vom Smartphone der KundInnen dank PoPP zu einem möglichen Einlöseweg vor Ort.
Durch PoPP entfallen für die PatientInnen somit gewisse Hürden bei der mobilen Einlösung von E-Rezepten, was diesen Weg noch einmal attraktiver machen dürfte. – gleichzeitig entstehen für nun ebenfalls mögliche Nutzung der GesundheitsID in der Offizin neue technische Anforderungen und veränderte Abläufe am HV.
Gerade wegen der durch PoPP erleichterten mobilen Einlösung von E-Rezepten sind Apotheken noch stärker als zuvor gefordert, diesen Weg nicht den Plattformen wie gesund.de oder ia.de (oder gleich den Versendern) zu überlassen, sondern selbst in den digitalen Kundenkontakt, z.B. mit einer eigenen Apotheken-App zu investieren.
Ausblick: Was sich für Apotheken konkret verändert
Die drei Anwendungen zeigen, wohin sich der Alltag entwickelt: Viele KundInnen nutzen digitale Wege – kommen am Ende aber weiterhin persönlich in die Apotheke. Zudem werden immer mehr Funktionen digital und zentral gebündelt. Das sorgt für Veränderungen:
- Frühere Entscheidung für eine Apotheke: Rezepte werden bereits digital zugewiesen. Wer online sichtbar und erreichbar ist, wird eher ausgewählt.
- Mehr Vorbestellungen und vorbereitete Abgaben: Digitale Rezeptübermittlung bedeutet weniger spontane Einlösungen – dafür mehr Planbarkeit.
- Zusätzliche Informationsmöglichkeiten: Mit der ePA stehen künftig mehr Daten zur Verfügung, die die Beratung unterstützen können.
- Anpassung der Abläufe im Team: Neue Funktionen wie PoPP oder ePA-Zugriffe erfordern klare Prozesse und Digitalisierung.
Jetzt Apotheken Digitalisierung vorbereiten
CardLink ist bereits im Einsatz, die ePA kommt schrittweise und PoPP wird folgen. Die Entwicklung geht klar in Richtung: Rezept digital übermitteln, digital informieren, vor Ort versorgen.
Digitale Erreichbarkeit und strukturierte Prozesse werden für Vor-Ort-Apotheken also immer wichtiger. Wer Bestellungen frühzeitig erhält und Medikamente vorbereitet entlastet das Team am HV – und verbessert gleichzeitig den Service für KundInnen. Die persönliche Beratung bleibt dabei das, was Vor-Ort-Apotheken auszeichnet. Die richtige Digitalisierungsstrategie sorgt dann dafür, dass viele Prozesse vereinfacht werden können. Somit kann wieder mehr Fokus auf genau diese qualitative Fachberatung gelegt werden.

